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Hilfe, mein Hund achtet nicht auf mich! – Tipps

Mensch-Hund-Beziehung / Präsenz / Tierschutz /

Dein Hund achtet nicht auf dich und du fühlst dich allein? Vielleicht ist es auch anders herum? Tipps für einen Perspektivwechsel.

Stell` Dir vor, Du gehst mit Deinem Freund oder Deiner Freundin oder einem anderen Menschen spazieren. Dieser Menschen ist Dein Lieblingsmensch. Dieser Mensch liegt Dir mehr als alle anderen Menschen auf dem Planeten am Herzen. Du liebst diesen Menschen und freust Dich über die Maßen Zeit mit ihm zu verbringen. Die Zeit mit ihm auf dem Spaziergang ist Dein High-Light des Tages.

Wie würde sich folgendes für Dich anfühlen?

Dieser Mensch spricht nicht mit Dir, denn er spricht in die Freisprecheinrichtung seines Handys. Er sieht Dich nicht an, denn er schaut auf sein Handy. Er hört Dich nicht, denn er trägt Kopfhörer. Wenn Du Dich auf dem Spaziergang für etwas interessierst, an einem Schaufenster stehen bleiben möchtest, Dir einen schönen Baum näher ansehen willst, Dich am Flug eines Vogels erfreuen möchtest, zieht er Dich kommentarlos weiter. Er spricht nicht mit Dir, er sieht Dich nicht an, er hört Dir nicht zu, er bemerkt nicht, wenn Du stehen bleiben möchtest, er bemerkt nicht, ob Du Dich für etwas interessierst.
Traurig? Heart-breaking? Alltag für tausende von Hunde in Deutschland. Wenn wir das tun, deprivieren wir uns. Wir schneiden uns sensorisch, die Sinne betreffend, und perzeptiv, die Wahrnehmung betreffend, von unserer Umwelt ab. Und damit von unserem Hund.

Warum ist das herzzerreißend für unsere Hunde und katastrophal für unsere Bindung?

Wir sind dadurch nicht in der Lage wahrzunehmen, dass unser Hund uns ansieht und mit uns kommunizieren möchte. Wir bemerken nicht, dass er eine Frage an uns hat, um Unterstützung bittet in einer prekären Situation. Wir können dadurch nicht sehen, ob unser Hund uns braucht, weil er unsicher ist, sich ängstigt, nicht weiß, was er tun soll. Wir können nicht antizipieren, was als nächstes passiert, somit nicht vorausschauend handeln, weil wir nicht mitbekommen, was genau jetzt in diesem Moment passiert. Wir bemerken nicht, dass unser Hund stehen bleiben möchte um zu schnüffeln oder zur Toilette zugehen, wir bemerken nicht, dass unser Hund schon auf Distanz unangenehm berührt von einem anderen sich näherndem Hund ist. Dadurch haben wir keine Möglichkeit unseren Hund zu unterstützen durch, zum Beispiel,

  • ihn ausweichen lassen,
  • ihn auf die andere Seite nehmen,
  • das Umeinander-einen-Bogen-laufen ermöglichen.

Wie sieht Dein Hund Dein Verhalten?

Dafür sehen wir uns an, was Deinen Aufgaben, Deine Bestimmung, im Zusammenleben mit dem Hund (und jedem anderen Schutzbefohlenen) ist.

Deine Aufgaben im Zusammenleben mit Hund
I. Schutz und Sicherheit

Wenn Dein Hund Dich als jemanden wahrnimmt, der mögliche Gefahren nicht sieht und deshalb nicht in der Lage ist, ihn und sich selbst, die ganze soziale Gruppe, zu beschützen, verlierst Du Ansehen in den Augen des Hundes und er beginnt ernsthaft an Deinen Führungsqualitäten zu zweifeln. Wenn Du nicht im Moment präsent und mit der Aufmerksamkeit bei Deinem Hund bist, ist es Dir nicht möglich, Deine erste und vornehmste Aufgabe, die Du im Zusammenleben mit dem Hund innehast, zu erfüllen.- Nämlich, für Schutz und Sicherheit zu sorgen. Du bist die Beschützerin, der Beschützer Deines Hundes. Nicht mehr und nicht weniger. Wenn Du diese Rolle nicht einnimmst, leidet das Vertrauen oder kann sich gar nicht erst aufbauen. Viele Hunde kommen dann in die Verlegenheit, sich selbst in diese Rolle zu begeben: Der Hund fühlt sich für seinen Menschen verantwortlich. Dadurch können Verhaltensprobleme entstehen und Störungen in Bindung und Beziehung.

II. Vertrauen und Zuneigung

Warum sollte Dein Hund beginnen, Zuneigung zu Dir zu entwickeln, wenn Du die für ihn schönen Momente des Lebens nicht mit ihm teilst? Die Momente, deren gemeinsames Erleben uns zusammenbringt, uns zu Partnern, ja zu Freunden, zu Familie macht?
Hunde sind mit Ihren Menschen extrem tolerant, geduldig und anpassungsfähig. Auch wenn wir Menschen uns ihnen gegenüber falsch oder ungerecht verhalten, entwickeln sie teilweise eine sehr große Anhänglichkeit, ja Liebe. Die Tatsache, dass Hunde Gefühle wie Freude, Trauer, Mitgefühl, Eifersucht empfinden können, ist durch die moderne Kynologie, u. a. mithilfe ihrer Teildisziplinen der Neurobiologie und der Verhaltensbiologie, bewiesen. Wenn also ein Hund immer wieder den Blick seines Menschen sucht und dieser Blick nicht erwidert wird, kann das bis zur Depression beim Hund führen. Vielleicht habt ihr es schon einmal selbst beobachtet, ein Hund auf der Straße sieht immer wieder seinen Menschen an, aber dieser schaut nicht zurück. Herzzerreißend.
Beobachtung im letzten Sommer:
Früher Nachmittag, Café in einem Park im Osten Berlins, hippes, gemischtes, gut situiertes Publikum. Schräg neben uns ein Tisch mit zwei Frauen und einem Hund. Wir sitzen. Der Hund ist ein kleiner junger Mischlingsrüde, er schläft als wir ankommen. Fünf Minuten nach unserer Ankunft wacht er auf und will ein bisschen umherwandern im Raum des Tisches, Leine zu kurz, er kann sich nicht bewegen.
Von oben keine Reaktion. Ich beobachte, 5 Minuten, 10 Minuten, 20 Minuten. Kein Blick. Er sieht hoch zu ihnen, keine Reaktion.
20 Minuten lang kein Blick. (Wenn ihr euch jetzt fragt, warum ich nicht aufgestanden bin und die Situation im Sinne des Hundes geklärt habe? Dann freue ich mich über diese Frage und kann euch versprechen, dass ich das oft tue und durchaus mit positivem Effekt. Gleichzeitig kann ich das tatsächlich nicht immer leisten. Mea culpa.) Die ganze Zeit hat der Hund immer wieder nach oben geblickt, wir wissen nicht, was er wollte oder brauchte. Wenn ich jedoch mit einem Hund in der Welt unterwegs bin, habe ich die Verpflichtung mich immer wieder rückzuversichern, dass es ihm gut geht, dass seine Bedürfnisse befriedigt sind.
In diesem Fall: Der Hund war jung, vielleicht knapp ein Jahr. Muss er nach dem Aufwachen zur Toilette? Hat er Durst? Braucht er soziale Ansprache, durch Worte oder Berührungen, sodass er weiß, dass ich, sein Mensch, da bin und er nicht allein ist …?

Warum ist es gut für uns und unsere Beziehung zum Hund, mit der Aufmerksamkeit bei ihm zu sein?

Zwei Aspekte, die Gold wert sind und unser Leben mit Hund und gleichzeitig unser ganzes Sein positiv beeinflussen können

Das größte Geschenk, welches Dein Hund Dir machen kann

Der freiwillige(!) Blick des Hundes ist das größte Geschenk ist, welches uns unser Hund machen kann. Mehr dazu demnächst in: „Was bedeutet der ‚Blick des Hundes‘ für uns und warum sollte dieser Blick freiwillig ist?“ Er bedeutet Vertrauen und Zuneigung. In schwierigen Situationen bedeutet dieser Blick, dass der Hund uns Führungsqualität zutraut und um unsere Unterstützung bittet. Während wir uns in die Augen sehen, wird das Bindungshormon Oxytocin ausgeschüttet. Das stärkt die Zusammengehörigkeit und fühlt sich einfach gut an. Wir sind ein Team.

Präsent im Moment – Dein Glück auf Erden

Wenn wir es schaffen, mit der Aufmerksamkeit bei unserem Hund zu sein, dann sind wir im Moment. Wir sind präsent. Im Hier und Jetzt.
Diese Präsenz führt zu echter Achtsamkeit. Achtsamkeit ist nichts anderes, als wirklich wahrzunehmen, was genau in diesem Moment um Dich herum geschieht. Und diese Präsenz macht uns handlungsfähig. Bähm. Blitzschnell. Im Zusammenleben mit dem Hund brauchen wir Schnelligkeit, um in jedem Moment reagieren zu können. Besonders im Training! Mehr dazu in Triptychon – Teil III. Intuition, unser Bauchgefühl. Darüber hinaus ist echte Präsenz, ganz im jetzigen Moment zu sein. Wir sind nicht mit den Gedanken in der Vergangenheit oder in der Zukunft: Das ist spirituell das Erstrebenswerteste, was es für einen Menschen zu erringen gilt. Das ist ein Weg zur Erleuchtung, wenn wir den Buddhisten glauben wollen. Mit dem Hund auf dem Weg zum wahren Glück, wenn Du so willst. Ganz im Moment sein heißt, Ende des Leidens. Worauf warten? Wenn Du jetzt sagst, „Ey, Marlene, was soll’n ditte, Erleuchtung und so’n Kram, das ist echt nicht mein Ding. Ich will einfach nur mit meinem Hund ’ne gute Zeit haben und, dass es läuft.“
Kein Thema. Darum geht’s ja im Endeffekt. Für Dich gilt, achte einfach auf Deinen Hund, sei mit Deiner Aufmerksamkeit bei ihm und lass´Dich nicht ablenken. Das hat eine Wechselwirkung auf Deinen Hund. Er weiß, „Ahhh, mein Mensch ist am Start. Der bekommt alles mit und reagiert, eine echte Führungspersönlichkeit. Er ist für mich da. Er beschützt mich. Wir gehören zusammen.“

Wie ist das Thema rechtlich, gesundheitlich und verhaltenstherapeutisch einzuordnen?

Was sagt das Tierschutzgesetz?

Ist das schon tierschutzrelevant? Sind das schon vermeidbare Leiden, die ein Tier da erfährt, wenn sein Bedürfnis nach Kommunikation, danach sich als Teil einer sozialen Gruppe zu fühlen, nicht gestillt wird? Die Gefühlslage, das Wohlbefinden, des Hundes betreffend sage ich, „Ja.“ Sehen wir uns Artikel 1 des Deutschen Tierschutzgesetzes an.
„§ 1 Grundsatz: „Zweck dieses Gesetzes ist es, aus der Verantwortung des Menschen für das Tier als Mitgeschöpf dessen Leben und Wohlbefinden zu schützen. Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen. …“
Wohlbefinden. Aha.
Der „vernünftige Grund“ im Sinne des § 1 S. 2 ist ein zentraler Begriff des Tierschutzgesetzes.
Er liegt vor, „wenn er als triftig, einsichtig und von einem schutzwürdigen Interesse getragen anzuerkennen ist und wenn er unter den konkreten Umständen schwerer wiegt als das Interesse des Tieres an seiner Unversehrtheit und an seinem Wohlbefinden“.
Es ist kein „vernünftiger Grund“ das Wohlbefinden eines Hundes zu beeinträchtigen, weil wir Menschen das Bedürfnis haben uns aus dem jetzigen Moment „wegzubeamen“ durch Musik, Pod-Casts hören, was auch immer, oder etwas anderes am Telefon zu erledigen.
Außer, es handelt sich um einen Notfall.

Wie wirkt sich das Nicht-Beachten auf die Gesundheit des Hundes aus?

Entwicklungspsychologisch ist es von größter Relevanz den Blick des Welpen zu erwidern, mit ihm, auch derart, zu kommunizieren.
Nur so kann seine gesunde Entwicklung, entwicklungspsychologisch betrachtet, gewährleistet werden. Die Neurobiologie und die Entwicklungspsychologie des Hundes sind vergleichbar mit den unsrigen, das ist belegt. Des Weiteren wissen wir, dass Kinder-psychologische Bindungstests auf den Hund übertragbar sind. Ein erwachsener Hund ist entwicklungspsychologisch mit einem dreijährigen Kind vergleichbar. Wir wissen, dass fehlende adäquate Sozialisierung in der Welpen- und Junghundezeit verheerende Konsequenzen haben kann. Ein sogenannter Deprivationsschaden, d. h. eine fehlende Sozialisierung in dieser Zeit, ein daraus resultierendes „Kaspar-Hauser-Syndrom“, sind laut Gesetz tierschutzrelevant, die fehlende Fähigkeit in der Welt zurechtzukommen, mit Menschen, Artgenossen, der Umwelt, weil der Hund sie als Welpe nicht kennenlernen konnte, sind per definitionem tierschutzrelevant, führen sie doch zu den in Artikel 1 des dt. Tierschutzgesetzes benannten Leiden und Schäden. Das gesamte Leben dieser Hunde ist von Panik und Angst vor allem und vor jedem geprägt. Der Horror. Mehr dazu demnächst im Artikel „Auslandstierschutz“.
Wir wissen aus der Neurobiologie und der Entwicklungspsychologie des Kleinkindes, dass es von ausschlaggebender Bedeutung ist, den Blick des Kindes vom ersten Tag an, tatsächlich schon beim Neugeborenen (!) zu erwidern, zu spiegeln, denn nur dann können sich die sogenannten Spiegelneuronen im Gehirn des Kindes entwickeln und nur dann ist das Kind später in der Lage Mitgefühl zu entwickeln.
Mehr dazu im Artikel Ein Triptychon – Teil II. Empathie und Liebe. Der Hund muss sich in seinem Sozialpartner spiegeln können und von dort adäquat Feedback bekommen. (Deshalb auch an alle Mütter und Väter, die Bitte, Hände weg vom Handy, wenn ihr mit eurem Schatz im Kinderwagen unterwegs seid. Schaut eurem Kind im Kinderwagen in die Augen. Euer Baby und Kleinkind sucht diesen Blick, das ist biologisch so angelegt. Schaut bitte nicht aufs Handy oder es kommen Generationen von empathielosen Menschen auf uns zu, nicht fähig zu Mitgefühl, praktisch Psychopathen.)

Wie sehen wir das Thema in der Verhaltenstherapie des Hundes?

Was sagen führende verhaltenstherapeutisch arbeitende Trainerinnen und Trainer?
100 % Aufmerksamkeit beim Hund, selbstverständlich!
Wenn wir zum Beispiel die von Ina und Thomas Baumann entwickelten Stand-by-Übungen anwenden,
die wir erst zu Hause, in reizarmer Umgebung etablieren und dann mit auf die Straße nehmen, wo sie im Sinne der sozialen Unterstützung zum Einsatz kommen.

Warum sollten wir etwas verändern?

Aus Liebe zu Dir und aus Liebe zum Hund.

Wie können wir etwas verändern?

Um Veränderung von Verhalten herbei zu führen, sind meist erst einmal die Ursachen für die Gründe eines solchen Verhaltens zu analysieren. Erste Frage an Dich: „Wo bist Du, wenn Du während des Spaziergangs mit der Aufmerksamkeit nicht bei Deinem Hund bist?“
Und, das meine ich nicht rhetorisch. Klar, Du hörst Musik, Du sprichst mit anderen am Telefon oder schreibst Text-Nachrichten.
Aber, was heißt das? Nicht mehr und nicht weniger, als dass Du nicht dort bist, wo Du gerade bist. Du hörst etwas, was in diesem Moment nicht stattfindet. Du sprichst mit jemandem, der gar nicht hier ist. Du schreibst jemandem, der doch selbst gerade in seiner eigenen Realität ist. Wenn es kein Notfall ist, lass es, solange Du mit Deinem Hund in der Welt unterwegs bist. Ich verstehe sehr gut, dass es für Menschen schwierig ist, sich auszuhalten und sich deshalb aus der jeweiligen Situation wegzuwünschen. Das ist eines der Dramen des menschlichen Seins. Daraus resultieren in der westlichen Welt Eskapismus, falscher Pioniergeist, die Idee des Höher, Schneller, Weiter, mit all ihren katastrophalen Auswirkungen auf unser soziales Miteinander, den Umgang mit der Natur, letztendlich mit dem Planeten. Es bedarf für jeden einzelnen von uns eines Lern-, eines regelrechten Entwicklungsprozesses, um dieses Thema zu wenden. Wir können uns dem nur durch Bewusstmachen und Bewusstwerden nähern. Auch aus Liebe zu unserem Hund. Jeder einzelne für sich und wir alle zusammen.

Wie geht das praktisch?

Es geht für uns darum, im jetzigen Moment anzukommen, genau in dem Moment, der gerade stattfindet. Das erreiche ich durch Achtsamkeit. Und Liebe zu mir selbst. Und Liebe zum Hund. Was ist Achtsamkeit? Wie wende ich das praktisch an? Mehr dazu demnächst in „Wieso Achtsamkeit, der Weg ins Hier und Jetzt für Dich und Deinen Hund ist und wie Du das umsetzt“. Wenn Dich dieser Weg interessiert und ich Dich dabei unterstützen kann, gerne hier. Wenn ich Dich unterstützen kann mit Deinem Hund gemeinsam ins Hier und Jetzt zu kommen, dann gerne hier.
Love and respect.
Namaste.